Obsorgestreit: Mutter flieht mit Tochter (5) in die Türkei

Keine Kindesentziehung, aber ein menschliches Drama: Kind hat innige Beziehung zum Vater

Weil die Ehe scheiterte und Österreich ihr fremd blieb, ist eine junge türkische Mutter mit ihrer Tochter (5) nach Istanbul gegangen. Der Vater kämpft nun verzweifelt um die Obsorge.

Ein wilder Obsorgestreit im türkischen Zuwanderer-Milieu hält Salzburgs Behörden auf Trab. Die Familie von Ertan S. (32) stammt aus dem malerischen Küstenstädtchen Ordu am Schwarzen Meer. Ertan wuchs mit fünf Geschwistern in Salzburg auf, ist inzwischen eingebürgert, hat beruflich aber wie viele aus der zweiten Zuwanderer-Generation nicht wirklich Tritt gefasst. Das Drama seines Lebens ist das Scheitern der Ehe mit seiner Jugendliebe. Mehr noch, die 31-jährige Türkin ist im Feb­ruar mit der gemeinsamen Tochter Alara (5) nach Istanbul verschwunden. Die Mutter Sennur S., die mit 17 geheiratet hat, ist in Österreich nie heimisch geworden. Da sie obsorgeberechtigt ist, handelt es sich um keine Kindesentziehung. Allerdings muss Alara im Herbst in die Schule gehen. Vater Ertan will, dass sein Kind in Österreich aufwächst. Er bedrängt das Jugendamt, das nun mit den türkischen Behörden Kontakt aufnehmen will.

 

Türkisches Ehepaar führt Rosenkrieg auf Facebook

Vater postet im Internet über den Obsorgefall seiner Tochter (5). Verliebt, verlobt, verheiratet mit 17: Die nach türkischer Sitte geschlossene Ehe eines blutjungen Paares scheiterte. Der Vater kritisiert im Internet, dass die Behörden die falsche Obsorge-Entscheidung getroffen hätten: Denn Mutter und Tochter sind weg.

Ertan und Sennur S. wurden nicht zwangsverheiratet, die beiden waren nur blutjung, 17 und 18, als sie sich verliebten und die Familien Druck machten, dass die jungen Leute sich auch offiziell binden sollten. Ertans Eltern kamen aus der Stadt Ordu an der türkischen Schwarzmeerküste vor 40 Jahren nach Österreich. In Ordu, das etwa gleich groß ist wie Salzburg, tragen die älteren Frauen Kopftuch, die jungen Mädchen sind westlich gekleidet. Ertans inzwischen verstorbener Vater brachte es zum Vorarbeiter einer Produktionsfirma in Kuchl, die Mutter (61) arbeitete als Stubenmädchen.

 

Innige Beziehung mit dem Vater

Der jüngste Sohn Ertan wuchs mit fünf Geschwistern in Salzburg auf, lernte Koch-Kellner, blieb aber meistens nur kurz in Gelegenheitsjobs. Bei einem Heimaturlaub verliebte er sich in das Nachbarmädchen Sennur. Ihre Familie deutete an, dass Ertan handeln müsse. Man schloss nach türkischem Brauch die erste Verlobung, die zweite Verlobung und feierte dann eine aufwändige Hochzeit.

Heute, zwölf Jahre später, liegt die Liebe in Scherben und stehen die Eheleute einander als Streitparteien vor Gericht gegenüber. Im Zentrum steht die im Juli 2006 geborene Tochter der beiden. Das Gericht hat die Obsorge für Alara Nur der Mutter übertragen, was dem Vater den Boden unter den Füßen wegzieht, weil er nachweislich eine innige Beziehung zu dem Mädchen hat.

Ertan S. macht dieses „Unrecht“ auf Facebook öffentlich. Wortreich und detailreich schildert er, wie er als Vater einer Übermacht an Behörden gegenübersteht, wie Jugendamt und Sozialarbeiterinnen seine Eingaben angeblich ignoriert hätten, wie er zur „Selbsthilfe“ gegriffen habe, wie er sich an Politiker wendet, aber nur FPÖ-Mann Andreas Schöppl als einziger überhaupt reagiert und Interesse zeigt. Auch das lange und ausführliche Gespräch in der Redaktion des Salzburger Fens­ters wird sofort auf Facebook gepostet.

 

Mutter mit Kind verschollen

Vollends unerträglich ist die Situation für Ertan S., seit seine Noch-Ehefrau mit dem gemeinsamen Kind in die Türkei heimgekehrt ist. Sennur S. reiste im Februar mit Tochter Alara nach Istanbul zu ihrem Vater, da es um diesen angeblich sehr schlecht gestanden sei. Seitdem ist die 31-Jährige mitsamt der Tochter verschollen. Von Verwandten und Freunden will Ertan wissen, dass seine Tochter auch gar nicht bei der Mutter, sondern beim Großvater lebe. „Da sind sieben Erwachsene in einer Wohnung, von denen keiner arbeitet“, so Ertan S. Angeblich lasse der Großvater Flüchtlinge bei sich schlafen und nehme dafür Geld. Es gehe dem Mädchen nicht gut, sagt der Vater. Sie wolle nach Hause, das sei für das in Salzburg geborene Mädchen Österreich. Faktum ist, dass Alara S. hier der gesetzlichen Kindergartenpflicht unterliegt und im Herbst in die Schule gehen müsste.

Dass die obsorgeberechtigte Mutter die Tochter in die Türkei gebracht hat, ist rechtlich keine Kindesentführung, menschlich aber ein Drama. Vom Jugendamt hatte die Kindesmutter den Auftrag, sich mit dem Kindergarten in Verbindung zu setzen, da die Fünfjährige wegen des Streits der Eltern den Kindergarten nicht mehr regelmäßig besuchte. Die Mutter entzieht sich auch der vom Gericht vorgeschriebenen Mediation und dem Scheidungsverfahren, das nun auch ihr Mann will.

 

Amt kontaktiert Türkei

Das Jugendamt der Stadt steht vor einem schier unlösbaren Fall. Leiterin Adelheid Moser zum SF: „Dass die Mutter den Aufenthaltsort in der Türkei festgelegt hat, ist nicht der Grund, warum wir eingreifen. Sehr wohl gehen wir den Hinweisen des Vaters nach. Wir werden alles Mögliche unternehmen, um den Aufenthaltsort der Mutter zu eruieren, damit wir die dortigen Behörden informieren können“, so Moser. Die Behörde habe das Auge und den Fokus auf das Kind zu richten, auch wenn die Eltern sich befetzen und gegenseitig mit Vorwürfen zuschütten würden.

 

Ertan S. sieht sich einer Frauen-Übermacht gegenüber

Der 32-jährige Türke hat die Obsorge verloren, er sagt aber:„Ich bin kein böser Türke“. Das Scheidungsverfahren des jungen Paares zeigt, wie brüchig die Welt auch für Zuwanderer geworden ist. Es geht um Schulden, Internet, Drogen und persönliche Reife.

Ertan S. ist voller Wut. Der 32-jährige, eingebürgerte Türke sieht sich einer übermächtigen Phalanx gegenüber. Jugendamt, Familiengericht, Strafgericht, Frauenhaus, psychologischer Dienst – überall treten ihm Frauen entgegen, die nun sein Leben bestimmen. Das passt nicht zum männlichen Selbstverständnis seiner Kultur.

Ertan S. schimpft viel über die Amtsträgerinnen, ihre „Ignoranz“, ihre „Mitleidlosigkeit“, ihre „Vorbehalte“ gegenüber ihm, dem Mann. Er habe vor dem Gericht „Vernichtungsgefühle“ bekommen und „durchgedreht“.

 

Wüste Drohungen

In derart strittigen Obsorgeverfahren sind die Behörden mit einem chaotischen Bombardement an Details, Vorwürfen und Beschuldigungen konfrontiert. Die Wahrheitsfindung ist nur ansatzweise möglich. Faktum ist, dass Ertan S. die Erziehungsberechtigung für seine Tochter Alara verloren hat, weil er außerordentlich aggressiv aufgetreten ist. Er hat seiner Frau drastische Drohungen und Beleidigungen geschickt, er wurde wegen beharrlicher Verfolgung verurteilt (bedingte Haft), er hat seine Tochter mehrmals unberechtigt mitgenommen, um sie ins Krankenhaus zu bringen, da die Mutter sie angeblich geschlagen habe und „verhungern“ lasse.

Nein, er sei trotzdem nicht der „böse und gewalttätige Türke“, beteuert der 32-Jährige. „Meine Frau konnte modern leben.“ Ertan gibt „blöde SMS“ und „Schubsereien“ zu, ärztlich dokumentierte Misshandlungen liegen nicht vor. Ehefrau Sennur S. ging zunächst ohne Kind ins Frauenhaus, da sie die Tochter, wie sie selber angab, bei ihrem Mann gut aufgehoben wusste. Auch die Gerichtspsychologen bestätigen einen „äußerst liebevollen, herzlichen, kindgerechten und innigen“ Umgang mit der Tochter und empfahlen eine „äußerst großzügige Besuchsregelung“. Das Kind sei völlig normal entwickelt und habe ein „äußerst gutes Intelligenzni­veau“.

 

Jetzt ist er sauber

Angelastet wurde Ertan S. sein Cannabis-Konsum, unter dem auch seine Frau sehr litt. Ihr wirft er vor, sie sei Tag und Nacht im Internet gewesen und habe auf Facebook mit ihrem Liebhaber und ihren Verwandten in der Türkei gepostet. Tatsächlich konnte die junge, meist aufreizend gekleidete und sorgfältig geschminkte Türkin sich in Österreich nicht integrieren. Sie arbeitete als Stubenmädchen, lernte aber kaum Deutsch. Die Vorwürfe hinsichtlich Misshandlungen und Vernachlässigung stimmen laut Jugendamt nicht – auch wenn der Vater einmal einen Sack voll mit schmutziger Wäsche einer Beamtin vor die Nase knallte. Faktum ist, dass es dem türkischen Ehepaar ständig an Geld fehlte und dass etliche Exekutionen geführt werden (Internet, Handy, Strom, Miete). Das Paar flog wiederholt aus Wohnungen, einmal wurde sogar der Strom abgedreht. Den kurzzeitigen Unterschlupf bei Verwandten empfand die nachgeholte Ehefrau als unerträglich, weil „öfters alle miteinander laut gestritten hätten“ oder ständig „mit den Kindern geschrien“ worden sei (Gutachten). Ertans Ziel ist es, die Tochter zurückzubekommen. Dafür geht er regelmäßig zur psychologischen Beratung und kann der Richterin seit November lauter saubere (negative) Haschisch-Harntests vorlegen.´

 

Quelle: salzburger-fenster.at

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